Montag, 5. März 2007

24 - Theodor Rosenhauer, Im Atelier, 1935


Theodor Rosenhauer, geb. 1901 in Dresden, gest.
Im Atelier, 1935, Leinwand, 100 X 135 cm

(Abb. Im Atelier, Ausschnitt, Katalog 1968, Kat.Nr.24)

Es ist bezeichnend, daß Rosenhauer Adalbert Stifter zu seinen Lielingsschriftstellern zählt. Stifters lebendiges Verhältnis zur Natur und kleinen Welt war Ausdruck eines stillen Protestes gegen die immer mehr vom Kapital beherrschte bürgerliche Umwelt, der ihn zu Schöpfungen hoher ethischer Ideale beflügelte. - Rosenhauers liebevolle Anteilnahme an den Dingen, die scheinbar von allen gesellschaftlichen Fährnissen frei und vor ihnen geborgen sind, ist ebenfalls Ausdruck eines Abschirmens, ist Ausdruck einer passiven Resistenz gegen das ihm unheimlich werdende Deutschland wenige Jahre vor Beginn der faschistischen Herrschaft. -

Die innere Not des nach einem Ausweg suchenden Menschen und Künstlers kommt in keinem Werk so offen zum Ausdruck, wie in dem 1935 entstandenen Gemälde "Im Atelier". In einem hohen, schmucklosen Raum sitzt auf einer mit zerwühltem Bettzeug bedeckten Liegestatt der junge Maler. Er hat den Oberkörper über den Tisch geworfen und stützt den Kopf in beide Hände. Vor ihm liegt ein Brief, der die Nachricht brachte, daß seine Bilder, wie schon oft, für eine Ausstellung unerwünscht gewesen seien. Die menschliche Behausung gleicht in ihrer Öde einer Zelle, in die der Mann gesperrt und aus der jedes Entrinnen unmöglich ist. Wie ein Gefangener ist auch der Maler. Dem Mund des jungen Mannes scheint sich ein Stöhnen zu entringen. Die Augen hat er geschlossen. Er sinnt und sinnt und sucht nach Antwort und Hilfe. Obwohl das Bild überwiegend mit warmen Farben gemalt ist, wirkt es überaus kühl und nicht anheimelnd. In diesem Atelier wird nicht gearbeitet. Die Staffelei ist rechts an die Wand gekippt, und hinter der Bettstatt stehen zwei Keilrahmen mit der Schauseite zur Wand gelehnt. Braune und gelbe Töne, die in dieser Schaffensperiode von Rosenhauer bevorzugt werden, beherrschen das Gemälde. Die in ein rosa Hemd gekleidete Gestalt des Mannes hebt sich wirkungsvoll von den mit Umbra und Ocker gemischten Farben der Wand, der Decke und des Fußbodens ab.-

Es ist erstaunlich, wie wenig bislang über den Maler Theodor Rosenhauer geschrieben worden ist.- Seine Kunst ist wie eine zarte, wunderbar beglückende Kammermusik, und wenn in den Ausstellungen daneben mit großem Orchester oder gar Blaskapelle gespielt wird, mag es geschehen, daß seine innigen Kompositionen überhört und nur ungenügend gewürdigt werden.

Aus: Katalog Theodor Rosenhauer, 1968
Abb. in: Gemäldegalerie Dresden, Neue Meister, Bestandskatalog, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, 1987

Samstag, 3. März 2007

23 - Heinrich Ehmsen, Basilius- Kathedrale in Moskau, 1935



Heinrich Ehmsen, geb. 1886 in Kiel, gestorben 1964 in Berlin
Basilius-Kathedrale in Moskau, 1935, Holz, 130 X 100 cm, erworben 1984

(Abb. Katalog 1977, Selbstbildnis 1929, Öl, 120 X 100 cm -Umschlag, kein Galeriebesitz - Basiliuskathedrale, 1935, Abb. Nr.42)

Ich erinnere mich gut der ersten Bekanntschaft mit seinem Werk. Es war Anfang der dreißiger Jahre, als mir das Buch "Deutsche Malerei der Gegenwart" von Richard Bie in die Hände kam. Die im Abbildungsteil dieses heute so gut wie vergessenen Buches reproduzierten Werke Ehmsens machten einen nachhaltigen Eindruck auf mich, und ich war damals auch bereit, die literarische Interpretation seines Werkes hinzunehmen. Es hieß da: " Bei der Übersischt über das Lebenswerk des holsteinischen Malers Heinrich Ehmsen finden wir folgende Motive: Sturm, Drahtverhau, Artisten, Boxer, Lieblinge des Tages, Heimkehr, Irrenhaus, Paralyse, Erschießung, Morphium, Disput, Friedhof, Verfolgungswahn, Größenwahn, Bar und Ende. - Das ist der Durchgang durch die Hölle der inneren Gesichte, der aufgeschreckten Träume, der verlorenen Hoffnung auf die Würde der Menschheit".

Ich war jung und noch nicht in der Lage zu erkennen, daß die von Richard Bie gegebene Interpretation in ihrer Konsequenz völlig falsch war. Ehmsens Kunst ist niemals Ausdruck "verlorener Hoffnung auf die Würde der Menschheit". Das Gegenteil trifft zu. Ehmsen war stets von der Würde der Menschen zutiefst überzeugt. -

Das Erlebnis des ersten Weltkrieges und der Novoemberrevolution formten dann den Schöpfer proletarisch-revolutionärer Meisterwerke. "Heimgekehrt ins Atelier nach München, nach dem Massenmord nun umtobt vom Getöse des Bürgerkrieges, schien mir alle Arbeit aus früherer Zeit belanglos, nichtig. Verdrängte Eindrücke der Jugend, die Lehre vom Kasernenhof und Schlachtfeld, das Erlebnis der Erschießung von Revolutionären bedrängten mich, zwangen mich, sie zu gestalten. Ich muß durch Form und Farbe hinausschreien, was in mir tobt. Mitleid mit der geschundenen Kreatur, Zorn gegen die Peiniger".

Im Jahr 1932 reiste Ehmsen in die Sowjetunion, um in Moskau eine Ausstellung mit seinen Arbeiten zu veröffentlichen. Eine Reihe bedeutender Gemälde war das Ergebnis dieser Reise.

Als die Nacht des Faschismus sich auf Deutschland senkte, wurde Ehmsen von der Gestapo verhaftet. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis hatte Ehmsen, der als "entarteter Künstler" klassifiziert worden war, kein Wirkungsfeld. 1945 wurde er als Professor an die Hochschule für Bildende Künste in Berlin-Charlottenburg berufen und zum stellvertretenden Direktor ernannt, doch als er 1949 das Pariser Friedensmanifest unterschrieb, verlangten die
Westberliner Behörden seine fristlose Entlassung.

Ein Jahr darauf berief ihn unsere Akademie der Künste zu ihrem Ordentlichen Mitglied. In seiner neuen Heimat konnte er nun als Maler und Lehrer vieler heute anerkannter Künstler seine Kräfte entfalten.

In: Ausstellungskatalog der Gemäldegalerie Neue Meister, Heinrich Ehmsen, 1977
Abb.in: Gemäldegalerie Dresden, Neue Meister, Bestandskatalog, Staatliche Kunstsammlungen Dresden 1987

Freitag, 2. März 2007

22 - Eva Schulze-Knabe, Lößnitzlandschaft, 1931



Eva Schulze-Knabe, geb. 1907 in Pirna, gest. 1976 in
Dresden
Lößnitzlandschaft, 1931, Leinwand, 64 X 84 cm, erworben 1971

(Abb. Katalog Kunst im Aufbruch, 1980/81, Umschlagrückseite: Fritz Schulze, Der Kämpfer, Holzschnitt 1938/39, kein Galeriebesitz, - Eva Schulze-Knabe, Selbstbildnis, 1957, Katalog Gemäldegalerie Neue Meister 1977, Abb.88)

Eva Schulze-Knabes opferreiches und kampferfülltes Leben und ihre unverschlüsselte realistische Kunst entsprechen einander vollkommen. Die in ihrer Lebensführung so bescheidene Frau verschwendete keine Gedanken daran, ob ihre Kunst Dauer haben werde und ob die Menschen noch in hundert oder fünfhundert Jahren ihre Bilder betrachten und schätzen würden. Sie dachte nicht an geschichtlichen Ruhm, als sie während der Naziherrschaft illegale politische Arbeit für die KPD leistete. Natürlich dachte sie an die Zukunft, doch nur so, wie sie der Zukunft mit ihrem Kampf und ihrer Kunst in der Gegenwart dienen könne. An sich selbst dachte sie kaum. Schillers Gedanke "Denn wer den Besten seiner Zeit genug getan, der hat gelebt für alle Zeiten", könnte als Leitsatz ihr Werk und Leben überschreiben. --

Seit 1928 war Eva Schulze-Knabe Meisterschülerin bei Robert Sterl. Aus dieser Zeit erzählte sie die kleine Begebenheit. "Einmal malte ich einen stehenden Mann. Ich hatte mich etwas von dem Bild entfernt, als Sterl hereinkam und mich ansprach: `Sehen Sie denn nicht die Luft, die zwischen Ihnen und dem Mann liegt?`Das war eine bezeichnende Korrektur für Sterl, denn mich interssierte an dem Bild der Mann und nicht die Luft." 1929 traten sie und ihr Mann der Dresdener Gruppe der Association revolutionärer bildender Künstler Deutschlands bei und 1931 wurden sie Mitglieder der KPD. - 1936 organisierte Fritz Schulze in Dresden eine Widerstandsgruppe, deren Mitglieder systematisch und erfolgreich gegen den Faschismus arbeiteten. 1941 wurden sie verhaftet und verurteilt: Fritz Schulze zum Tode und Eva Schulze-Knabe zu lebenslanger Zuchthausstrafe.

Es gibt von Eva Schulze-Knabe eine Reihe prächtiger Naturgestaltungen, unter denen wohl die Aquarelle den vordersten Platz einnehmen, und die in schöner Weise zeigen, daß sie schließlich auch "die Luft" interesssierte.

In: Neues Deutschland, 11.5.1982
Abb. in: Gemäldegalerie Dresden, Neue Meister, Bestandskatalog, Staatliche Kunstsammlungen Dresden 1987

21 - Wilhelm Rudolph, Haus im Grunde, 1932


Wilhelm Rudolph, geb. 1889 in Chemnitz, gest.1982 in Dresden
Haus im Grunde, 1932, Leinwand, 117 X 130 cm, erworben 1933

(Abb. Haus im Grunde, Farbige Gemäldewiedergaben, 1968, S.99

Das 1932 entstandene "Haus im Grunde" ist im Ideengehalt dem Porträt des "Lumpensammlers" verwandt. Es ist ein altes, unwohnliches Gebäude, das sich im Tal eines hügeligen Landes an den Abhang lehnt. Blinden Augen gleich starren die schwarzen Fensteröffnungen ins Land. Unordentlich in den Angeln hängend, kleben die Läden windschief an der Mauer. Kaum begehbar ist der ungepflasterte, von getautem Schnee aufgeweichte Weg, der an dem Haus vorbeiführt. Es ist ein ungastlicher Ort, den der Künstler für sein Bild wählte und er betont die Verlassenheit und das Verwahrloste des häßlichen Zweckbaues, der die Empfindungen und Gedanken des Bildbetrachters erregt. Man erinnert sich unheimlicher Geschichten von düsteren Wirtshäusern, in denen Furchterregendes geschah und die als Schlupfwinkel allen möglichen Gelichters den Fremden unheildrohend empfangen.

Aber Rudolph erzählt kein Märchen. Es ist, als interpretiere er am Bild des"Hauses im Grund" einen gesellschaftlich-historischen Zustand. Der karge Landschaftsausschnitt mit dem vermodernden Laub am Hang, den noch unbelaubten schwarzen Bäumen im Hintergrund und den letzten Schneeinseln kündet vom Nahen des Frühlings. Zaghaft wagt spärliches Grün sich hervor. Es keimt, will sich entfalten und wachsen. Doch wie ein Klotz legt sich breit das menschenverlassene, von düsterer Vergangenheit zeugende Haus in das Bild. Widerstrebende Gefühle bewegen den Betrachter. Scheu und Ablehnung gegenüber dem Unwirtlichen und Heruntergekommenen und Zuneigung zu der erwachenden Natur, die sich anschickt, ihre Schönheit dem Menschen darzubieten, um ihn freundlich zu empfangen.--Mit ihren immanenten humanistischen Tendenzen lenkt die Kunst Wilhelm Rudolphs Emotionen und Gedanken des Betrachters in die Richtung der gesellschaftlichen Befreiung des Menschen.---

Schon 1933 kam es in der Dresdner Kunstakademie zu heftigen Auseinandersetzungen. Der damalige Rektor, Professor Richard Müller, hatte im Lichthof des Dresdner Rathauses die erste Ausstellung sogenannter "entarteter Kunst" veranstalten lassen, auf der Werke von Otto Dix, Ernst-Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Otto Müller u.a. in diffamierender Weise gezeigt wurden. In einer Sitzung der Akademielehrer griff Rudolph den Rektor wegen der Ausstellung offen an. Müller meldete daraufhin dem damaligen sächsischenKultusministerium: " Ich konnte Rudolph nur zum Schweigen bringen, indem ich zum nächsten Punkt der Tagesordnung überging. Nach Schluß der Sitzung ging er fort, ohne sich zu verabschieden.
Es war zum offenen Bruch gekommen. Unnötig zu sagen, daß es in den folgenden Jahren an Verleumdungen und Angriffen nicht fehlte. Doch Rudolphs Auffassungen waren nicht zu ändern, und sein Widerwille gegen das nationalsozialistische Deutschland wuchs nur. Am 18. Dezember 1936 schrieb der Reichsstatthalter in Sachsen an den Rektor der Akademie, daß Wilhelm Rudolph zu eröffnen sei, er habe "sich mit sofortiger Wirkung jeder weiteren Unterrichtstätikeit zu enthalten" und er sei weiter ausdrücklich darauf aufmerksam zu machen, daß er nicht mehr berechtigt sei, den Titel Professor zu führen..---1937 wurde darüber hinaus dem Sächsischen Kunstverein verboten, Arbeiten Wilhelm Rudolphs je wieder auszustellen, und ihm wurde bei Androhung harter Strafe der Verkauf von Kunstwerken untersagt. Zur geistigen Bedrängnis kamen nun Jahre harter wirtschaftlicher Not. Vereinsamt lebte er mit seiner Frau, ein Emigrant im eigenen Vaterland. Doch damit nicht genug, in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945, als zwei Fliegerangriffe Dresden fast völlig zerstörten, fiel der größte Teil seines umfangreichen Lebenswerkes den Flammen zum Opfer.

In: J.U., Wilhelm Rudolph, Farbige Gemäldewiedergaben, VEB E.A.Semann Verlag, Leipzig 1968
Abb.in: Gemäldegalerie Dresden, Neue Meister, Bestandskatalog, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, 1987

Donnerstag, 1. März 2007

20 - Wilhelm Rudolph, Lumpensammler, 1936


Wilhelm Rudolph, geb. 1889 in Chemnitz, gest. 1982 in Dresden
Lumpensammler, 1936, Leinwand, 110 X 98 cm, erworben 1947

(Abb. Lumpensammler, in:Farbige Gemäldewiedergaben, 1968,Nr. 1)

Das um 1936 gemalte Porträt eines Lumpensammlers ist charakteristisch für einen neuen malerischen Stil als Ausdruck eines gewandelten ästhetischen Verhältnisses zur Wirklichkeit. Eingehüllt in einen abgetragenen Mantel sitzt der Alte vor uns. Blicklos hat er die Augen nach unten gerichtet. Der Körper ist zusammengesunken. Alle Formen der Gestalt weisen nach unten. Vom leicht vorgenommenen Kopf und den sich senkenden Schultern über die gewinkelten Arme, mit den auf den Schenkeln ruhenden Händen, setzt sich bis zu den Fingern eine fallende Bewegung fort. Sie wird auch von dem über den Schoß genommenen leeren Lumpensack nicht aufgehalten, sondern von dort weiter bis an den Bildrand geführt. Die erdigen braunen und grauen Töne beleben in unzähligen Nuancen die Figur und das karge Interieur. Sie gliedern in ihrem Wechsel die Körperlichkeit der Gestalt und die Tiefe des Raumes. Dabei ist der Künstler so verfahren, daß Hell und Dunkel, einander ablösend, den Blick des Betrachters vom Kopf des Alten über die Gestalt und die Hände immer wieder zum kärglichen Handwerkszeug des Mannes, dem schmutzigen Lumpensack gleiten lassen. -- Hände und Kopf entsprechen einander im Grundton. Es ist ein durch wenig Licht aufgehelltes Braun, das im Zusammenklang mit dem beinahe schwarzen Braun des Mantels zu lebendigem Fleisch wird. Die Komposition der Farbe und die Fähigkeit, mit ihr Stoff, Haar, Fleisch u.a. gleichsam zu materialisieren, sind für Rudolph selbstverständlich und nichts anderes als die notwendige Voraussetzung, um den moralisch-geistigen Inhalt der künstlerischen Gestalt ansprechbar zu machen.--

So rücksichtslos er das armselige und elende Dasein des alten herumgestoßenen und verbrauchten Mannes enthüllt, so behutsam geht er mit dem Gefäß des Lebens, der physischen Erscheinung des Menschen um.--
Vielen Bildnissen, die Rudolph in diesen Jahren schuf, geht ein Zug des Entsagens und Verzichtenmüssens auf alles Lebensglück aus. Er bevorzugte Modelle, die solchen Ideengehalt schon in ihrem Äußeren entgegenkamen. In des Künstlers intuitivem Widerwillen und der Auflehnung gegen den Faschismus liegen die Wurzeln dieses neuen Stils, in dem sich Trauer und Empörung offenbaren. --

Es ist leicht einzusehen, daß solche Kunstwerke, die unbeeindruckt von der wirtschaftlichen Scheinblüte Deutschlands in den ersten Jahren der Herrschaft Hitlers geschaffen wurden, immer offener Vorbehalte gegenüber der nationalen Entwicklung zum Ausdruck brachten und dem empfindungsfähigen Menschen mit der Gestaltung der Schattenseiten des Lebens Ausblicke auf eine herandrängende Katastrophe gaben, von den Machthabern des Dritten Reiches anfangs als lästig, bald aber als unerträglich empfunden wurden.

Aus: Farbige Gemäldewiedergaben, Wilhelm Rudolph, VEB E.A.Seemann, Leipzig, 1968
Abb. in: Gemäldegalerie Dresden, Neue Meister, Bestandskatalog, Staatliche KUnstsammlungen, Dresden 1987

19 -Wilhelm Rudolph, Arbeiter,1920/21


Wilhelm Rudolph, geb. 1889 in Chemnitz, gest. 1982 in Dresden
Arbeiter, 1920/21, Leinwand, 109 X 93 cm, erworben 1951

(Abb. Katalog Gemäldegalerie Neue Meister, 1977, Nr.72)

Schon bald nach dem ersten Weltkrieg, den der Künstler als Infanterist an den Fronten miterlebte, wurde Rudolph durch grafische Arbeiten bekannt. Aber auch als Maler hatte er früh Erfolg. Seine Bilder waren in den Ausstellungen der zwanziger Jahre, in denen sich die verschiedenen modernistischen Richtungen gegenseitig übertönten, wie eine von allem Auffallenden und Exaltierten unberührte Insel. Ihre ausdruckskvollen großen Formen und der zeit- und lebensverbundene Gehalt lenkten die Aufmerksamkeit auf sich. Man erkannte, daß hier ein Talent sich anschickte, unbeirrbar seinen Weg zu gehen. 1932 wurde er als Lehrer an die Dresdener Akademie berufen.

Um 1920 porträtierte er den Vater. Dieses Bild, das für den frühen Stil Rudolphs bezeichnend ist, zeigt bereits die völlige Lösung von seinem Lehrer Bantzer. - (Dessen) Beschaulichkeit steht bei Rudolph eine nachdrückliche Tat- und Angriffsbereitschaft gegenüber. Aber es ist nicht die laute und polternde Aggressivität, wie sie von den sogenannten avantgardistischen Künstlern der zwanziger Jahre geübt wurde, sondern hier liegen in der Konzentration der Gestaltung des Gesichtes und Körpers die Fähigkeit und Kraft der Überzeugung und des Sichbehauptens.

Das helle kantige Gesicht und die breit auf die Knie gelegten Arbeiterhände nimmt der Künstler in die vordere Bildebene. Dazwischen spannt sich der Oberkörper. Alle Formen, die Umrisse der Figur und die kantige Binnenzeichnung der Hände und des Gesichtes sind streng und bestimmt und führen das Auge des Betrachters immer wieder zum Kopf des Mannes. In ihm zeigt der damals dreißigjährige Maler, daß die Kunst der bildhaften Charakterisierung sein Hauptanliegen ist. Aus den hart eneinandergefügten, groß gesehenen Formen, die jedoch nie die Porträtähnlichkeit verletzen, sondern gerade mit der Ähnlichkeit das geistige Wesen des Modells fassen und steigern, sprechen die Zielstrebigkeit und Energie, die in dem dargestellten Menschen leben. Rudolph erhebt in dem Bild den Vater zu einem Repräsentanten der deutschen Arbeiter dieser schicksalsschweren Jahre. Die fast grafische Malweise -- entsprach in ihrem lapidaren Vortrag der dem Bild innewohnenden Tendenz: Größe und Kraft des einfachen Menschen erlebbar zu machen. Dem Porträt -- gab Rudolph den Titel "Arbeiter". Nicht, daß er den Vater verleugnen wollte - wenn er von ihm spricht, spürt man echte Herzlichkeit in seinen Worten - , sondern Rudolph drängt sich und seine Familie geradezu aus seiner Kunst heraus. Es gibt weder ein Bildnis seiner Frau, die ihm stets eine liebevolle und treue Gefährtin war, noch hat er je ein Selbstbildnis gezeichnet oder gemalt. Als er danach gefragt wurde, meinte er, daß das wohl Rembrandt hätte tun können, aber nicht er.

Aus: Farbige Gemäldewiedergaben, Wilhelm Rudolph,VEB E.A.Seemann Verlag, Leipzig 1968
Abb. in: Gemaldegalerie Dresden, Neue Meister, Bestandskatalog, Staatliche KUnstsammlungen Dresden, 1987

Mittwoch, 28. Februar 2007

18 - Wilhelm Lachnit, Der Tod von Dresden, 1945


Wilhelm Lachnit, geb. 1899 Gittersee bei Dresden, gest. 1962 Dresden
Der Tod von Dresden, 1945, Leinwand, 200 X 114 cm, erworben 1957

(Abb. Katalog Wilhem Lachnit, 1965, Abb. S.18, erstes vorläufiges Werkverzeichnis mit wiss. Apparat von W.S.)

Im gleichen Jahr, in dem das alte Dresden in zweimaligem Angriff anglo-amerikanischer Bombengeschwader fast völlig zerstört wurde, schuf Wilhelm Lachnit das Bild "Der Tod von Dresden". Das Werk gehörte zu den meist beachteten, in seiner Idee und Gestaltung ergreifendsten Gemälden der ersten Ausstellung Dresdener Künstler nach dem Kriege.-

Neben manchem Mittelmäßigen waren in der Ausstellung auch Arbeiten solcher Künstler, die heute zu den namhaften unserer Republik gehören: Hegenbarth, Kretzschmar, Kröner, Rudolph, Wilhelm usw. Lachnits Bild schien für den geistigen Zustand dieser Situation geradezu charakteristisch.

Von schier untragbarem Schmerz zusammengezogen sitzt im Vordergrund eine Frau. Die Aufwärtsbewegung des großen sitzenden Körpers wird von dem tiefgebeugten Hals und Kopf, der die fallende Linie der rechten Schulter fortführt, zurückgenommen und von dem herabhängenden rechten Arm, der schützend am Rücken des Kindes entlanggleitet, wieder nach unten zu den Füßen geführt. Der linke Unterarm und die Hand stützen den Kopf. Hinter der Frau, die Bewegung wiederholend, der Tod. Das alles zwischen zersplissenen, querenden Balken. Brandrot ist das Holz, rot der Erdboden, rot der Hintergrund, schwarzrot der Himmel mit der verdunkelten Sonne. Rot glimmt in Reflexen über dem Kleid und Fleisch der Frau und kehrt wieder auf dem Skelett des Todes und dessen gelbem Umhang. Es ist ein schwer bestimmbares Rot, von Schwarz und Schwarzgrau hin und wieder unterbrochen, spielt es in mannigfachen Tonabstufungen von Rosa zu Purpur, nie rein und immer gebrochen, an verglühendes Feuer und geronnenes Blut gemahnend.

Rot ist für uns die Farbe des Lebens, der Liebe und der Revolution. Lachnits Rot hat nichts davon. Sein Rot ist die Farbe des Todes und der Vernichtung. In dem Bild ist aber noch ein Kind. Über den Schoß der Mutter gebeugt, blickt es auf uns. Schlaff hängen die Händchen an den ausgestreckten Armen herab, die vordere uns den Rücken zuwendend, die andere in rührend bittender Hilflosigkeit das Handinnere vorweisend. Diese Gebärde und der Blick der dunklen Augen sind stummer Vorwurf und eindringliche Frage. Sie machen es dem Betrachter unmöglich, bei der bloßen Anschauung zu bleiben. Sie fordern Antwort und Stellungnahme. Das Kind, die erschütterndste Gestalt des ganzen Gemäldes, wird die Ursache sein, daß die Mutter sich wieder erhebt, der Zukunft entgegen. Was für einer Zukunft, davon ist hier noch nicht die Rede; nur so viel ist gewiß: Die das Chaos verursacht haben, werden nicht dabeisein.

Aus: Dresdener Kunstblätter, 1965,2
Abb. in: Gemäldegalerie Dresden, Neue Meister, Bestandskatalog, Staatliche Kunstsammlungen Dresden 1987